Sozialtraining mit Minecraft für Menschen mit Autismus

Diejenigen unter Ihnen, die sich als „Gamer“ bezeichnen würden oder Kinder im Alter von 6 bis 20 Jahren haben, werden mit Sicherheit schon einmal über den Begriff „Minecraft“ gestolpert sein. Minecraft ist ein Computerspiel, das seit 2011 die digitale Welt erobert. Dabei ist das Spiel alles andere als ein Durchbruch im Bereich Grafik oder Spielmechanik. Im Gegenteil! Es ist pixelig, auf den ersten Blick ziemlich seltsam und es gibt kein klar erkennbares Ziel – keinen großen Kampf oder sogenannte „Quests“ (Aufgaben), wie es sonst in Videospielen üblich ist. Aber gerade diese Umstände scheinen die Grundlage für den riesigen Erfolg des Konzepts zu sein. Es geht um nichts Konkretes und gleichzeitig um alles. Man kann sich in eine Welt fallen lassen, in der der Fantasie keine Grenzen gesetzt sind.

Lassen Sie mich nun erläutern, wie Minecraft aussieht und funktioniert.

Viele Spieler bezeichnen Minecraft als digitales Lego. Sie starten in einer unberührten Welt mit Bergen, Meeren, Wäldern, Dörfern, Tieren und allem, was eine Welt so braucht. Nun haben Sie, bzw. Ihr Avatar, die Möglichkeit, sich diese Welt zu eigen zu machen. Dabei können zwei Spielmodi verfolgt werden. Der erste Modus ist der sogenannte „SurvivalMode“, das heißt ein Überlebensmodus. Hier startet der Spieler mit leeren Taschen in die neue Welt. Man muss Baumaterialien besorgen (z. B. Bäume fällen und Steingruben ausheben), um sich eine sichere Behausung zu bauen. Zudem muss man für die eigene Ernährung sorgen und Waffen zur Verteidigung gegen feindliche Gesellen in der Umwelt konstruieren. Hier geht es tatsächlich darum, dem Avatar ein langes und erfolgreiches Leben in einer semifeindlichen Welt zu ermöglichen.



Der zweite Modus ist der sogenannte „CreativeMode“, das bedeutet ein Kreativmodus. Er ist das komplette Gegenteil des „SurvivalModes“. Hier sind von Beginn an alle Materialien vorhanden, die Sie benötigen, um Luftschlösser, Sternenleitern oder Raketenabschussrampen zu bauen. Auch die feindliche Umwelt, die sonst Gebäude zerstören oder unseren Avatar ins Jenseits befördern könnte, lässt sich ausschalten, sodass wir in Frieden und entspannt unseren Fantasien nachgehen können.



Berechtigterweise fragen Sie sich vermutlich: „Schön, aber was hat das alles mit Sozialtraining für Menschen mit Autismus zu tun?“ Nun, einiges! Ich werde versuchen, Ihnen die wichtigsten Punkte kurz aufzuzeigen:

Technik und Computerspiele lösen oft großes Interesse bei Menschen mit Autismus aus und sorgen für eine höhere Motivation beim Lernen und Üben von sozialen Fähigkeiten und Fertigkeiten.

Wie Sie alle wissen, haben viele Menschen mit Autismus Schwierigkeiten damit, mit Gleichaltrigen in Konversation zu kommen und/oder diese über einen längeren Zeitraum aufrecht zu erhalten. Wenn Sie jedoch über ein Spezialinteresse oder vertraute Themen sprechen, fällt es Ihnen meist leichter. Da viele Kinder und Jugendliche Minecraft spielen, ist es eine gute Grundlage für die Gesprächsanbahnung.

Häufig kennen sich Menschen mit Autismus mit Dingen, die sie interessieren, unglaublich gut aus. Auch, weil sie sich intensiv und in jeder Einzelheit damit beschäftigen. So ist es nicht verwunderlich, dass uns viele unserer Kinder und Klienten auch im Bereich „Minecraft“ weit überlegen sind. In einer „MinecraftSozialgruppe“ können sie so ihr Wissen demonstrieren und andere unterstützen. Das ist gut für das soziale Ansehen und für das eigene Selbstvertrauen sowie Selbstbild.

In Minecraft muss man nicht allein sein. Es gibt die Möglichkeit, eigene Gruppen zu erstellen oder auf internationalen Servern mit anderen zu spielen. In diesen Gruppen kommt es automatisch zu sozialer Interaktion. Man spricht sich ab, macht Pläne, arbeitet zusammen oder gegeneinander, handelt, tauscht und kämpft. Alle Bereiche des sozialen Miteinanders werden abgedeckt. Außerdem haben viele Gruppen Regeln und Gesetze, an die man sich halten muss. Macht man dies nicht, kann man aus solchen Gruppen ausgeschlossen werden.

Wie schon im vorherigen Punkt beschrieben, bleibt es bei der Vielzahl an sozialen Interaktionen in Minecraft nicht aus, dass auch Konflikte zwischen Individuen oder ganzen Gruppen entstehen. Hier ist Minecraft ein gutes und weitgehend sicheres Übungsfeld, um verschiedene Konflikt-lösungsstrategien zu beobachten, anzuwenden und eigene auszuprobieren. Das Ursache- und Wirkungsprinzip wird sichtbar.

Ein Grund, warum Minecraft bei Menschen mit Autismus besonders beliebt ist, ist wahrscheinlich der Umstand, dass dieses Spiel sehr berechenbar ist. Die von der künstlichen Intelligenz gesteuerten Tiere und Kreaturen in der Welt reagieren immer gleich und haben meist nur wenige Funktionen. Auch Baumaterialien haben spezifische Eigenschaften. Man lernt schnell, was es mit ihnen auf sich hat und wie man sie beeinflussen und nutzen kann.


Das Minecraft-Sozialtraining ist ein spannender neuer Ansatz. Wenn Sie Interesse an einer Teilnahme haben, melden Sie sich gerne bei uns unter:
marc.meurer@lebenmitautismus.de

Sie sehen, es gibt viele Argumente für ein Sozialtraining mit Minecraft. Aber wie sieht das in der Praxis aus?

Die australische Psychologin Raelene Dundon, selbst Autistin, hat hierzu ein Programm entwickelt und beschreibt es in ihrem Buch „Teaching Social Skills to Children with Autism using Minecraft, A Step by Step Guide“, veröffentlicht bei Jessica Kingsley Publishers, London/Philadelphia. Hier gibt sie viele Tipps aus ihrer Praxis, die man individuell an die jeweiligen Personen und ihre Möglichkeiten anpassen kann.

Man kann Einheiten komplett online durchführen, was in der heutigen Zeit ein Vorteil ist. Jedoch wird eine reale Gruppensituation bevorzugt. Gruppen werden möglichst altershomogen zusammengestellt. Zu Beginn jeder Einheit wird gemeinsam das aktuelle Thema besprochen, z. B. „Gespräche führen“ oder „ein Freund sein“. Anschließend wird die vorgesehene Aktivität in Minecraft diskutiert, z. B „ein Haus bauen“. Fragen werden gestellt: „Was macht ein Haus aus? Was muss alles darin oder daran sein? Welche Materialien kann man benutzen usw.

Im nächsten Schritt werden Zweierteams gebildet und es wird losgebaut. Zuerst baut Spieler 1 zehn Minuten, dann Spieler 2. Die Aufgabe des nichtaktiven Spielers ist es, den aktiven Spieler mit Tipps und Ideen zu unterstützen.

Bewegungspausen oder Alternativbeschäftigungen werden nach Bedarf eingebaut. Zum Schluss werden die Ergebnisse besprochen, wozu auch Arbeitsblätter verwendet werden.


Autor: Marc Meurer, Team für Autismustherapie