UN - Weltautismustag 2010 | Zum Vorlesen | ![]() |
"Der Abend am 20. März zum Weltautismustag 2010 war ein voller Erfolg!", sagte Peter Schumacher, Projektleiter der Veranstaltung und Vorsitzender des Vereins 'Leben mit Autismus Bonn und Rhein-Sieg-Kreis e.V.'. Rund 250 Gäste verfolgten die Vorträge und besuchten die Informationsstände. Von Diagnose über Selbsthilfe bis zu Therapiemöglichkeiten reichte das Spektrum. Auch Betroffene selbst kamen zu Wort.
Musikpädagoge Udo Seehausen dirigierte zum Auftakt das Schulorchester der Johannes-Schule. Schulleiter Scherer begrüßte die Gäste. "Sich beheimaten zu können", zitierte er den Wunsch eines heranwachsenden Autisten, "Dies in unserer Gesellschaft zu ermöglichen müsse unser aller Ziel sein." Im anschließenden Vortrag erläuterte Udo Seehausen eindrucksvoll, wie er den Zugang zu seinen Schülern findet, von denen viele autistisch sind. Der Kinder- und Jugenpsychiater Jochen Welker führte in das Thema aus medizinischer Sicht ein und rief dazu auf, den Autismus auch stärkenorientiert zu betrachten. Dr. Bernd Becker-Kreutz stellte später die Möglichkeiten der Biomedizin bei Autismus vor. Erik Körmann, ein junger Erwachsener mit Autismus, beeindruckte mit seinem Vortrag in Gestützter Kommunikation.
Ute Gagaridis brachte ihre Erfahrungen bei der Gründung von mittlerweile 4 regionalen Selbsthilfe-Gruppen für Eltern von Asperger-Kindern in Form strukturierter Empfehlungen für eine Nachahmung zum Vortrag. So hat sie bereits den Aufbau einer Elternselbsthilfe-Gruppe in Mexiko erfolgreich begleitet. Das Asperger-Syndrom wird häufig als leichtere Autismusform klassifiziert. Die Diagnose kann im Alter von 3 Jahren erfolgen.
Anläßlich des Weltautismustages am 2.April wurde die Resolution zahlreicher Eltern und Fachleute vorgestellt, die zuvor bundesweit online über die Einzelabschnitte votiert hatten. Darin wird unter anderem eine frühe Diagnostik und ein verbesserter Zugang zur Autismustherapie gefordert. Kinder, die sich lange Jahre ohne Diagnose und ohne Unterstützung durch die Schule kämpfen müssen, haben oft einen schlimmen Leidensweg hinter sich.
Viel Sympathie erfuhr der Beitrag von Maria Kaminski, Vorsitzende des Bundesverbandes 'autismus Deutschland e.V.'. Anstelle eines Vortrags erzählte sie von ihren eigenen Erfahrungen als Mutter eines mittlerweile erwachsenen Autisten. So hat sie seinerzeit noch Hans Asperger konsultiert, der 1944 als erster das Asperger-Syndrom beschrieb, etwa zeitgleich zur ersten Beschreibung des Frühkindlichen Autismus durch Leo Kanner. Maria Kaminski gab dem Publikum anschließend Gelegenheit zu Fragen hinsichtlich ihrer Arbeit und der Autismustherapiezentren der Regionalverbände. Sie unterstrich, dass sie sich als Vertreterin aller Autisten sehe, und nicht allein der bei 'autismus Deutschland e.V.' organisierten. So empfahl sie auf eine Publikumsfrage hin, gegen Behörden, die eine moderne Verhaltenstherapie verweigern wollen, den Klageweg zu beschreiten. Sie kritisierte den schleppenden Fortgang beim Ausbau der Frühdiagnostik im Rahmen der kinderärztlichen Vorsorgeuntersuchungen. Weiterhin empfinde sie es als ganz schlimm, wenn Autismustherapien auf Grund mangelnder Kapazitäten nicht oder nur um Jahre verzögert zum Einsatz kommen könnten. Schätzungen der UN gehen davon aus, dass bei stark steigender Tendenz heute eines von 150 Kindern von einer Autismus-Spektrum-Störung betroffen ist. [Quelle: BM Arbeit und Soziales]
Maria Kaminski am 20. März in Bonn: "Es ist ganz schlimm, wenn Autismustherapien auf Grund
mangelnder Kapazitäten nicht oder nur um Jahre verzögert zum Einsatz kommen können."
In einer Podiumsdiskussion wurde über die Zukunft der Beschulung von Autisten unter Einbeziehung des Publikums zum Teil kontrovers diskutiert. Hier wurde deutlich, dass die Vorgabe der Kultusministerkonferenz, wonach die Förderung von autistischen Kindern Sache aller Schulformen sei, nicht dazu führen dürfe, dass im Umkehrschluß jede Schule die Aufnahme von Autisten verweigern könne. In diesem Rahmen erklärte Beatrix Küpper-Fahrenberg, NRW-Landeskoordinatorin für Autismus und Schule, sich für eine statistische Erhebung in NRW einzusetzen. Babara Zellfelder, Lehrerin in einer speziell ausgerichteten Schulklasse für Autisten und Susanne Gräfin Lambsdorff, Leiterin der Bonner Christophorusschule mit dem Förderschwerpunkt körperliche und motorische Entwicklung, stellten ihre jeweilige pädagogische Ausrichtung beim Umgang mit Autisten vor. Sabine Kiefner, unterstützt von Ute Gagaridis, beschrieb am Beispiel ihres Sohnes aktuelle Mängel des Schulsystems. Christel Scherer brachte Aspekte der Schulbegleitung ein. Als Konsenz kristallisierte sich die Einschätzung heraus, dass das Grund- und Schwerpunktwissen über Autismus beim Lehramtsstudium eine stärkere Bedeutung erlangen müsse, um so die vielen unterschiedlichen Schulen landesweit künftig besser auf die Beschulung von Autisten vorzubereiten. Moderatorin Judith Braun schlug zum Abschluß vor, eine Ersthilfe-Ausstattung vorzubereiten, die unmittelbar nach Diagnosestellung alle benötigten Informationen bereit stelle, so auch alles Wichtige zum Thema Schule und Förderung.
Podiumsdiskussion: v.l.n.r. Ute Gagaridis, Bea Küpperfahrenberg, Christel Scherer, Judith Braun, Barbara Zellfelder, Susanne Gräfin Lambsdorff, Maria Kaminski. Hier leider nicht zu sehen: Sabine Kiefner
Erneut wurde deutlich, wie sehr diese Themen den Betroffenen und Angehörigen unter den Nägeln brennen. "Um wirklich etwas bewegen zu können, müssen wir informieren und aufklären", meint Peter Schumacher, "Diese Veranstaltungen bieten dazu eine gute Plattform." Im Rahmen einer Spendenaktion wurde ein Betrag von € 1.300,- erlöst. Diese Summe wird vom Verein 'Leben mit Autismus Bonn und Rhein-Sieg-Kreis e.V.' für die weitere Betreuung autistischer Kinder verwendet.
"Die tolle Resonanz von Seiten der Besucher und Referenten macht Mut für die Zukunft. Und sie ist Ansporn für uns, auch im nächsten Jahr eine informative und mitreißende Veranstaltung auf die Beine zu stellen", ergänzte Peter Schumacher, der sich auch bei allen Mitwirkenden herzlich bedankte.